Eposode VI
The cognitive twilight state
Wenn das Nervensystem durch nicht integrierte Traumen chronisch überfordert ist, schaltet es in einen Überlebensmodus. Dies nennt sich „kognitiver Dämmerzustand“. Oder auch emotionale Taubheit. Dies führt dazu, dass Menschen zwar funktional durch den Alltag gehen, aber nicht mehr voll präsent sind. „Funktional“ und „emotionale Taubheit“. Bei diesen Begriffen gefriert alles in mir. (Erklärt aber ganz gut den Zustand, den ich aus meiner Familie kenne.)
Wie dem auch sei, die Sache mit dem kognitiven Dämmerzustand hatte ich in einem Buch von Thomas Hübl gelesen.
Ein ganzes Buch über dieses „Phänomen“.
Er schreibt sogar, dass sich schätzungsweise über 80% der Menschen in dieser Twilight Zone befinden. Damals hatte ich keine Ahnung, was das bedeuten könnte. Aber ich hatte etwas bei mir bemerkt, für das ich keinen Namen hatte. Ich hatte etwas wie Lichterscheinungen. Momente, in denen alles glasklar wurde. Momente, in denen ich komplex denken konnte, extrem schnell verstehen und logisch denken konnte.
Doch wie gesagt, es waren nur Momente.
Die hielten jeweils vielleicht für eine Stunde oder auch mal zwei, dann war es wieder vorbei mit der Klarheit. Wie ein Himmel, der von einer dicken Wolkendecke behangen ist. Ab und zu reißt die mal auf und die Sonnenstrahlen scheinen dadurch. Doch dann schließt sich diese Decke wieder. Und die Sonne kommt da echt nicht oft durch. Nur ein paar Mal im Jahr. Doch diese Strahlen sind so extrem hell, dass sie dich fast zur Blindheit blenden. Sie brennen diesen Fleck in dein Hirn, den du nicht mehr übersehen kannst. Du erinnerst dich an diese Klarheit.
Was war da los mit mir?
Ich konnte es mir nicht erklären und verzweifelte. Über Jahre. Ich hatte das bei Alzheimer-Patienten beobachtet. Manche haben diese klaren Momente, in denen sie sehen können, dass ihr Verstand zerfällt. Diese hellen Momente, in denen du checkst, dass da nix mehr in Ordnung ist mit dir. Mies. (Und fragte mich insgeheim, ob ich mich auch schon in dieser Alzheimer-Spirale befinden würde.)
Damals konnte ich auch nicht schreiben.
Nur in diesen Momenten. Da lief es aus mir heraus. Worte über Worte, die in ihrer Anreihung einen echten Sinn ergaben. Und dann wieder: Licht aus. Nix ging mehr. Ich hatte Stapel an angefangenen Texten, die nie beendet werden konnten. Immer neue Ideen, die versiegten. Und wieder in diese unscharfe Version von mir abgerutsch.
Es war sogar so schlimm, dass ich manchmal auf der Straße stand und ich mich an den Weg nach Hause nicht erinnern konnte. Echt krass. Ich stand da und grübelte, wo ich langgehen muss.
FUCK! Gut, dass es Google Maps gab.
Als ich mich in Therapie begab, trug ich meine Beobachtung über mich in die Sitzungen. Ich fragte meinen Therapeuten, ob es sein könne, dass etwas über meinem Verstand liegen würde. Wie eine dicke Nebeldecke, die meine tatsächlichen Fähigkeiten überdecken würde. Er bejahte meine Vermutung.
Noch mal: FUCK! Was war da los? Wie konnte ich diesen Nebel der Dummheit wegbekommen?
Das ging nicht. Zumindest erstmal nicht. Ich versuchte, mich zu arrangieren und blieb das alberne dumme Huhn, das jeder für seinen Liebreiz mochte. Das man aber bei weitem nicht ernst nehmen konnte. Ich hatte meine Position in diesem Leben, die andere als ziemlich angenehm empfanden. Nur ich nicht.
Und wenn du also aufhörst dich permanent auf andere einzustellen passiert etwas – und da habe ich schon oft drüber geschrieben und kann das nicht oft genug wiederholen:
Du wirst unbequem.
Ich wurde
unbequem.
Aus heutiger Sicht betrachtet, war dieser für andere unbequeme Zustand das erste Zeichen für das Lüften dieser fetten Nebeldecke in meinem System. Im Laufe meiner Therapie und der damit verbundenen Gesundung, fing ich an, ein Eigenleben zu entwickeln. Ich schmolz aus diesem Zustand des willenlosen, in Starre lebenden Wesens heraus. Ich bemerkte mehr und mehr, dass ich an meinem eigenen Leben nicht teilgenommen hatte. Ich fing an, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Ganz natürlich. Es ging einfach nicht mehr, dass ich mich rumbestimmen ließ.
Mein damaliger Mann (und auch seine Freunde) empfanden mich zunehmend als anstrengend. Meine Mutter schimpfte über meinen Therapeuten. Der sei schlecht und hätte mich total verdreht. „Nein, Mama, das hat er nicht. Ich entdrehe mich grad“, sagte ich ihr.
Ich fing an zu verstehen, was ich da seit Jahren an Kunst produzierte. Kein Scheiß, ich wusste damals nicht, wieso ich mich unbedingt mit der weiblichen Sexualität beschäftigen musste. Und: ich fing an, richtig zu schreiben. Wie ein Staudamm, der über Jahre meine Worte zurückgehalten hatte. Sie flossen auf einmal unaufhörlich aus mir raus. Ich entwickelte eine ganz eigene Stimme. „Hoppla“, dachte ich, „wer ist das denn? Huch – das bin ja ICH! Whohoooo! Ich habe eine Stimme. Eine eigene. Eigene Gedanken. Komplexe Gedanken.“
Ich war fassungslos, was da alles in mir schlummerte.
So viele Jahre versteckt in diesem verfickten kognitiven Dämmerzustand.
Ich hab jetzt zwar keine Familie und auch keinen meiner alten Freunde mehr, der Typ an meiner Seite war der Erste, der flog – aber Scheiß drauf.