EPOSODE O

Alles freiwillig

Interview with a Pimp

Interview mit einem ehemaligen Zuhälter

(Im Oktober 2022 – der Name wurde von mir geändert)

Jan war Zuhälter in der ehemaligen DDR. Er brachte Frauen dazu, ihre Körper für ihn und seine Komplizin zu verkaufen.

Ja genau: Komplizin.

Was bringt Frauen dazu, Frauen zu verkaufen? Eine Frage, die sich mir aus dieser Geschichte ergab, auf die ich in einem anderen Text eingehen werde. Erstmal zurück zu Jan.

Voller Stolz erzählte er mir, mit wie viel Geschick er Frauen für seine Machenschaften einfing. Hinterfragt hatte er sein Tun nie. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, wie gut er sie manipulieren konnte. Und er ist auf noch etwas stolz: Auf diese Gabe – die Manipulation.

Dass Frauen ihre Körper verkaufen, ist für ihn normal. Sie wollen es schließlich.

Woher kommt dieser Wille? Was muss ein Mensch erlebt, gelernt oder von sich abgespalten haben, um Tag für Tag seinen Körper fremden Menschen zur Benutzung zu überlassen?

Und warum genügt uns ausgerechnet hier die Antwort: Sie hat es doch freiwillig gemacht.

Ich bin mit Jan verabredet. Jan ist groß, etwa fünfzig, kurze Haare, attraktiv, mit weichen Augen, aber wachem, durchdringendem Blick. Seine sanfte, sonore Stimme fängt auch mich ein. Ich fühle mich wohl in seiner Gegenwart. Bemerke es und beobachte mich. Frage mich, wieso dieser Typ, der Frauen verkauft, mich wohlfühlen lässt.

Zu Beginn unseres Gesprächs erzählte er von seiner Kindheit. Eine verwirrende Geschichte, in der er mich anfangs glauben lassen möchte, dass er behütet aufwuchs. Doch während des Gesprächs bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass dies nur ein Wunschgedanke ist.

Er erzählt vom Aufwachsen in der damaligen DDR und einem Vater, der die Familie sehr früh verließ, um in den strahlenden Westen zu flüchten. Er berichtet von einer sorgenden Mutter, die allerdings einen Stasimitarbeiter heiratet, dessen einzige Aufgabe es war, sie zu kontrollieren, um eine weitere Flucht zu verhindern. Dieser Stiefvater war nicht nur gewalttätig. Er fotografierte Jan nackt. Mehr erzählte er darüber nicht ­– nutzt dies aber entschuldigend, um sein eigenes Scheitern als Stiefvater des Kindes einer früheren Freundin zu rechtfertigen. Auch geht er nicht darauf ein, was es mit ihm gemacht hat, dass seine Mutter ihn nicht vor der Gewalt des Stiefvaters schützte.

Die Übergriffe des Stasi-Stiefvaters erwartend – so erzählt Jan mit einem intensiven und bohrenden Blick – haben ihn gelehrt, vorausschauend zu werden. Sein Tun zu planen und sich in Menschen reindenken zu können. Die Übergriffe lehrten ihn, sehr aufmerksam durchs Leben zu gehen und Menschen manipulieren zu können. Das Leben in Gefahr lehrte ihn, vorausschauend zu denken. Mit einer Anreihung von Entschuldigungen versucht er sein späteres Verhalten zu rechtfertigen.

Da ihm aufgrund der Flucht seines Vaters die für ihn spannenden Berufsausbildungen verweigert wurden, verließ Jan seine Familie mit sechzehn Jahren und arbeitete unbemerkt an seiner Karriere als zukünftiger Zuhälter.

Er erzählt von seiner

Karriere

Beginnend als Küchenjungen wurde er zu einem Bindeglied zwischen den Prostituierten und dem Rest des Hotels, in dem er arbeitete. In diesem Hotel kamen ausschließlich Reisende aus dem Westen und Diktatorensöhne aus Libyen unter. Für Jan waren diese Männer verschwenderisch. Er kannte einen solchen Umgang mit Geld nicht. Verdiente aber am horrenden Wechselkurs mit.

Mit einem Blitzen in den Augen berichtete Jan, wie unscheinbar er damals daherkam und wie niedlich und vertrauenerweckend ihn die Damen empfanden. Schnell wurde er in der Bar des Clubs eingesetzt, wo er sich mitten im Geschehen befand. Und ebenso schnell wurde er zum ungekrönten König der Nacht. Er drehte sich (Jans Wortwahl) unbemerkt in das Vertrauen der Damen und wurde zum Herrscher über die käuflichen Damen der Nacht.

Gaia: Und wie war das mit der Stasi in diesem Hotel? Wurde das nicht überwacht?

Jan: Ja genau, da war alles unter Beobachtung der Staatssicherheit. Die hatten eine ganze Etage, in der nur die untergebracht waren, um von dort aus sämtliche Zimmer abhören und überwachen zu können. Diese Leute hatten auch mit mir Kontakt gesucht, um mich für ihre Zwecke zu gewinnen. Das lehnte ich aber ab. Mein Glück war, dass der Osten danach nicht mehr lange existierte, denn mittelfristig wäre mir das sicherlich auf die Füße gefallen. Doch da ich noch minderjährig war, wurde ich erstmal geduldet. Somit hatte ich fast ein bisschen Narrenfreiheit. Ich hatte viel Geld, kam an die ganzen coolen Sachen aus dem Westen ran, sodass ich immer wie aus dem Ei gepellt aussah. Und ich konnte mich in einem kleinen Radius um das Hotel herum frei bewegen.

In diesem Interhotel gab es das Café Belle Flair, wo man nur reindurfte, wenn man mit harter Währung zahlte. Und die hatte ich. Dort haben wir gelebt wie die Fürsten. Heute weiß ich, dass viele von den Leuten, mit denen ich dort damals war, von der Staatssicherheit waren. Denn dort kamen auch viele Leute hin, die das Land verlassen wollten und Kontakte zum Westen suchten. Oder Menschen, die gegen das Land rebellierten. Somit war es dort ein sehr bunter Haufen von Menschen, die das Leben genossen. Wir spielten Tennis und fuhren mit dem Motorrad, was alles nicht selbstverständlich war. In dieser Rolle ging ich richtig auf und merkte, dass ich den Mädels auffiel.

Ich war für sie wie der kleine Bruder. Ich wusste, dass die Damen „von der Etage“ in ihren Zimmern saßen und niemand Zeit hatte, sie zu versorgen. Somit tat ich das. Ich fing an, ihnen Getränke zu bringen und war quasi das Bindeglied zwischen ihnen und den Kellnern.

Damals verdiente ich offiziell hundertzwanzig DDR-Mark pro Monat. Das war gar nichts. Doch weil es diesen Zwangsumtausch gab und diese Leute aus dem Westen auch bei mir mit harter Währung zahlten, hatte ich auf einmal extrem viel Cash. Der Knaller war damals Sekt mit Ananas. Also ein Glas Sekt mit Ananas-Stückchen darin und diesen kleinen bunten Piksern. Und wer hatte schon Ananas bekommen? Kein Mensch. Damit hatte ich mir tagelang die Rübe zugeschüttet. Und ich versorgte die Mädels damit.

Für Leute aus dem Westen waren fünfzig DDR-Mark wie fünf Deutsche Mark. Somit hatte ich am Ende bis zu zehntausend DDR-Mark die Woche verdient. Damit konnte ich viel rumreisen. Ich war zum Beispiel im Westen, im Palace Hotel und habe mich viel mit Künstlern unterhalten und vielen Leuten, die eben nicht so systemtreu waren. Das war schon sehr schön alles. Aber irgendwann gab es mal großen Ärger. Da wurde ich ins Politbüro bestellt. Da musste ich beim Kaderleiter vorstellig werden, der mich warnte und sagte, dass ich dieses Leben abstellen müsse.

Ich war also mit diesen Mädels im Interhotel viel zusammen. Das waren alles DDR-Prostituierte. Ich war eben nicht der brutale Typ, sondern der Liebe. Der, in den man sich verliebt. Also kamen viele von den Prostituierten zu mir und baten mich, nach ihnen zu schauen. Mich quasi um sie zu kümmern. Und sie erhofften sich, über mich an gute Kontakte zu kommen. An Männer zu kommen, die einen besseren Umgang mit ihnen pflegten und viel Geld hatten. Und die hatte ich.

Und weil der Verdienst auch für die Mädels ziemlich gut war und es nach großer Welt schmeckte, fing ich an, auch andere Mädels hierfür zu gewinnen. Ich fing an, diese anderen Mädels in die Bar zu bringen, wo sie sich erstaunlich schnell einarbeiteten.

Gaia: Was hast Du mit den Frauen gemacht, damit sie für Dich anschaffen gingen? Ist das gewachsen? Hast Du irgendwann den Dreh rausgehabt und gemerkt, was Du zu tun hast, um die Frauen für Dich zu gewinnen?

Jan: Ja, das war so. Ich habe schnell gelernt. Meine Art und Weise der Ansprache wandelte sich so lange, bis ich es draufhatte. Es motivierte mich, Frauen davon zu überzeugen, dass sie dies für mich tun könnten. Sie da quasi heranzuführen. Das hatte natürlich damit zu tun, dass ich dieser unglaublich manipulative Mensch bin, der extrem schnell einen Menschen durchschauen kann und dementsprechend lenken kann.

Gaia: Man bekommt sehr feine Antennen für Menschen, wenn man so aufwächst wie du. Das kam dir hier sehr zugute.

Jan: Ja, das ist tatsächlich so. Wenn man sich ständig in dieser Hab-Acht-Stellung befindet, wird man sehr aufmerksam. Ich erkenne sehr schnell, wie ein Mensch funktioniert – nutze das aber nicht vollends aus.

Gaia: Also meinst du, dass du nicht brutal wurdest, aber bist schon so weit gegangen, wie du kommen konntest und hast es dann ausgenutzt?

Jan: Nein, ich wurde nie brutal. Aber wenn ich nun so darüber nachdenke – was ich tatsächlich noch nie getan habe – muss ich zugeben, dass ich das vielleicht falsch eingeschätzt habe. Besonders, weil man sich selbst diesbezüglich nicht analysiert. Das mag sein.

Gaia: Wie ging es nun weiter?

Als der Osten zu Ende war, wusste ja niemand so richtig, was er machen sollte. Auch ich hatte diese Phase, wo ich keine Orientierung hatte. Doch den Blick für eben diese Damen hatte ich immer. Und eines Tages lernte ich in einer Bar wieder eine junge Dame kennen. Und ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich sah jemanden und hatte sofort ein fertiges Bild vor Augen. Ich wusste sofort, ob das passt oder nicht. Und diese junge Dame entsprach also komplett meinem Beuteschema. Sie sprach mich obendrein äußerlich sehr an. Klein, skinny und sie hatte dieses freche Etwas. Ich hatte Angst vor großen Frauen. Heute noch. Die konnte ich noch nie leiden. Da sind wir dann wieder bei dieser Geschlechterrolle. Bei diesen kleinen Frauen konnte ich mich dominanter fühlen. Frauen, die auf meiner Augenhöhe waren, waren für mich eine Bedrohung und überhaupt nicht attraktiv. Ich brauchte schon immer etwas Kleines, Zartes. Und die kamen auch alle auf mich zu. Auch heute noch.

Gaia: Na das kann ich schon ganz gut nachempfinden. Du hast augenscheinlich eine sehr warme, herzliche Ausstrahlung, mit viel Kraft und Ruhe. Du strahlst Stärke aus und diese Frauen suchen einen Beschützer. Allein mit deiner Stimme wiegst du eine Frau in deinem Arm.

Jan: Lacht – Ja, da magst du recht haben. Wobei ich total beziehungsunfähig bin. Das ist absolut klar. Ich bin auf der Suche nach mir selbst. Alle meine Beziehungen sind in die Grütze gegangen und ich weiß leider nicht, wieso das so ist. Wenn man mich als Freund gewonnen hat, bin ich bis ans Lebensende dein bester Vertrauter und da für dich. Doch mit einer Frau gemeinsam ein Leben aufzubauen, in einer Wohnung mit ihr zu leben, das bekomme ich nicht hin. Und ich war sowieso schon immer ein sehr untreuer Mann. Aber nicht mit dem Herzen, nur mit dem Körper.

Gaia: Was empfandest du, wenn eine Frau ihren Körper für dich verkaufte?

Jan: Pause, denkt nach – Also in erster Linie hat sie ihn ja für sich selbst verkauft.

Gaia: Aber wieso hast du sie dazu gebracht, ihren Körper zu verkaufen?

Jan: Das konnte sie immer frei entscheiden. Ich hatte erstmal herausgefunden, womit sie sich im Leben beschäftigt. Hatte sie eine feste Arbeit? War sie auf der Suche nach irgendwas? Was konnte sie besonders gut? Konnte sie gut vögeln? Ja oder nein. Dies herauszufinden war auch ganz wichtig. Denn du konntest da ja keine hinschicken, die das gar nicht drauf hat.

Gaia: War ja auch nicht ganz uneigennützig, herauszufinden, ob sie gut vögeln kann.

Jan: Ja, das für sich in Anspruch zu nehmen, war auch von Vorteil, ja klar. Dabei durfte es auch ganz gerne mal schlampig werden. Also wo es nicht so die Rolle spielte, wer der Nächste ist. Solche hatte ich mir gerne gesucht und in der Regel auch immer schnell gefunden. Meistens hatte man von der einen oder anderen vorher schon gehört. Dass die gut zu vögeln war und jeden ranließ. Dann stand die gleich bei mir auf der Liste. Die wollte ich dann unbedingt kennenlernen. Meistens trieben wir es auch ziemlich schnell. Und ich fragte sie, ob sie nicht noch mehr Herren kennenlernen wollte. Und brachte sie in diese Bar. Das war ja die Bar von dieser, in die ich damals so verliebt war.

Gaia: Die, von der du erzähltest, dass sie deinem Beuteschema entsprechen würde?

Jan: Ja genau. Aber die war ja mit einem der größten Kriminellen in unserer Stadt zusammen. So’n Schlägertyp, der auch die regelmäßig geschlagen hatte. Als die einmal mit einem fetten blauen Auge ankam, sagte ich ihr, dass ich nun zu dem hingehen würde. Aber sie hielt mich zurück. Doch als sie dann wieder mit einem blauen Auge ankam, bin ich zu dem hin und hab dem eine Ansage gemacht. Der war so perplex, dass er erstmal gar nichts gemacht hatte. Doch als ich aus dem Laden raus war, hatten die mich danach vierzehn Tage lang überall gesucht.

Aber in diesen vierzehn Tagen hatte meine Bardame sich schon mit noch gefährlicheren Typen zusammengetan. Sie war ja irre geschäftstüchtig und besonders umtriebig. Sie war eine Eiskalte. Sie war ja die eigentliche Zuhälterin. Am Ende war ich derjenige, der in den Discotheken die Weiber aufriss und immer lieferte. Es war also eine Win-win-Situation.

Gaia: Ok, du hattest der Barmaus/Zuhälterin die Frauen geliefert. Aber was genau hast du gemacht, damit diese Frauen ihre Körper für dich und am Ende auch für sie verkauften? Wie kam es, dass eine Frau sagte: „Ok, warum eigentlich nicht? Dann lass ich mir halt für Geld die Schwänze überall hinstecken, mich erniedrigen und gebe am Ende die Kohle auch noch ab.“

Jan: Das war jetzt eigentlich gar nicht so schwer, die davon zu überzeugen. Das waren ohnehin schon solche, die das nicht so ernst nahmen. Die ja eh schon mit vielen Typen vögelten. Denen war das alles ja eh schon egal. Ich hatte nie eine großartig dazu überreden müssen. Die haben das schon so gemacht. Und die haben gemerkt, dass die sich auf mich verlassen konnten. Das bestärkte die noch. Die wussten, dass ich hinter ihnen stand und ihnen in jeder nur denkbaren Situation den Arsch retten würde.

Gaia: Wärest du eifersüchtig, würde deine Frau oder deine Freundin mit einem anderen Mann Sex haben, ohne sich dafür bezahlen zu lassen? Einfach weil sie Lust auf ihn hat.

Jan: Nein, da bin ich ganz tolerant. Im Gegenteil, das macht mich eher noch an.

Gaia: Wieso empfindest du keine Eifersucht?

Jan: Weiß ich nicht.

Gaia: Vielleicht weil du noch nie richtig geliebt hast?

Jan: Ja, ich denke, ich kann gar nicht lieben.

Gaia: Es ist also eine Schutzfunktion?

Jan: Ich war nur ein einziges Mal verliebt. Unglücklich. Ein zweites Mal, dachte ich, ich wäre vielleicht verliebt, aber das war falscher Alarm. Meine Frau, mit der ich auch verheiratet bin, habe ich auch nie geliebt. Aber ich habe sie lieben gelernt. Also ich schätze sie wirklich sehr. Übrigens alle Frauen, mit denen ich mal etwas hatte, schätze ich sehr. Ich habe sie auch immer miteinander bekannt gemacht. Also alle meine Frauen kennen alle meine Exfrauen. Und ich habe mit allen auch noch sehr guten Kontakt.

Gaia: Das gibt dir Sicherheit.

Jan: Ja. Absolut!

Gaia: Wieso glaubst du, dass diese Frauen ihre Körper freiwillig verkauften? Was könnte der Grund hierfür sein?

Jan: (Schweigen . . . überlegt . . . lange)

Gaia: Das werden doch wahrscheinlich nicht alles Sexmonster gewesen sein, die nicht genügend befriedigt werden.

Jan: (weiteres Überlegen . . .) Ich habe sie nie nach einer Motivation gefragt.

Gaia: Du hast dich nie mit einer darüber auseinandergesetzt? Was hast du dabei empfunden? Du hast nie auch nur einen Gedanken hierüber verloren?

Jan: Nein. Die Entscheidung hatte sie ja getroffen, also wird’s schon in Ordnung gewesen sein.

Gaia: Hast du denn mal darüber nachgedacht, dass diese Frauen eventuell psychische Probleme haben und sie allein aufgrund dieser Tatsache ihre Körper für dich verkauften? Dass du quasi verlorene Seelen für dich ausnutztest?

Jan: Nein. (Muss lachen)

Gaia: Fühlst du dich nicht schuldig, dass die Frauen ihre Körper  für dich verkauften?

Jan: Nein.

Gaia: Würdest du deinen Körper auch Tag ein Tag aus, verkaufen und einen Großteil des Verdienstes deiner Frau, deiner Zuhälterin, abgeben?

Jan: (Überlegt lange . . . seufzt) Das könnte ich mir nicht vorstellen. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Gaia: Ach? Aber es war völlig ok für dich, dass diese Frauen das für dich taten?

Jan: Ja, völlig normal. Ich habe das aber immer als eine große Leistung empfunden.

Gaia: Wie würdest du dich fühlen, würden Frauen deinen Körper benutzen und Dinge in phantasievollem Umfang von dir verlangen? Würdest du das mitmachen? Frauen, die es zum Beispiel anmacht, dich mit einem Dildo im Popo zu reiten, oder dich zu würgen, zu fesseln, zu benutzen, dich zu erniedrigen? Frauen die Macht spüren wollen, anhand deines Körpers, deiner Persönlichkeit.

Jan: (Überlegt) Ich hatte das zum Teil schon mal zugelassen. Ich dachte, ok, ich muss ja auch mal was zurückgeben. (Stockt etwas, überlegt . . .) Aber das ist nicht so meins. Von ein oder zwei Frauen hatte ich mir auch schon mal was gefallen lassen. Aber ich habe das lieber bei denen gemacht. Ich bin halt auch gerne mit der Peitsche unterwegs.

Gaia: Aber wie ist es denn mit dir? Was würdest du empfinden, würde man sowas mit dir machen? Das sind doch Machtspiele.

Jan: Das ist schwierig für mich. Ich würde mich dann in einer Rolle wiederfinden, in der ich nicht sein möchte.

Gaia: Ach? Warum denn nicht?

Jan: (Lacht wieder) Weiß ich nicht. Ich – ich weiß es nicht. Ich bin ja kein Zerstörer.

Gaia: Aber wenn du eine Frau hattest, die so eine verlorene Seele war, die eine zerstörte Psyche hatte, weil sie eine total kaputte Kindheit hatte. Eine Frau, die damit groß geworden ist, dass Liebe für sie Erniedrigung bedeutet, sodass sie ihren Körper verkauft, weil sie sich gar nicht mehr spürt. Oder weil sie den Schmerz haben muss – weil sie Schmerz mit Liebe verwechselt. Mit einer solchen Frau gehst du doch sehr verantwortungslos um. Du machst dich in meinen Augen zum Mittäter.

Jan: Ja, das glaube ich gerne. Wenn man sich damit mal näher beschäftigt und mal ein bisschen tiefgründiger wird, mag das sein. Aber das macht man ja nicht. Wieso sollte ich mich da hinterfragen? Diese Frauen hatten das gemacht und ich hatte ja nicht mehr damit zu tun. Da war ich raus.

Gaia: Ja, das sagt sich so leicht. So reden sich alle raus. Doch für mein Empfinden haben wir alle einander Verantwortung füreinander zu tragen. Dinge, die du dir nicht angetan haben möchtest, kannst du doch nicht anderen antun. Aber das tust du. Wieso machst du das?

Jan: Jetzt muss ich eingreifen. Sie waren ja nie gezwungen, Dinge zu tun die sie nicht tun wollten. Sie mussten ja nicht mit jedem Freier mitgehen.

Gaia: Das mag ja sein, aber du hast meine Frage nicht verstanden. In dem Moment, wenn eine Frau dies für dich tut. „Freiwillig“, wie du sagst, folgt sie dem Muster ihrer Selbstzerstörung. Und du hast es gefördert. Diese Frauen tun all dies nicht freiwillig, sie tun es, weil sie in ihrer Kindheit zerstört wurden. Du hast sie nicht beschützt, du hast ihre Selbstzerstörung gefördert. Wenn du sie somit nicht zur Prostitution verführt hättest, hättest du sie zumindest vor diesem Teil ihrer Zerstörung beschützen können. Kannst du diesem Gedanken folgen?

Jan: (Überlegt – lange . . . . sehr lange) Mein Gott, was für eine Frage. (überlegt weiter) Weiß ich gar nicht. Ja, du hast natürlich recht. Vom moralischen Standpunkt her hätte man diesen Seelen wahrscheinlich helfen müssen.

Gaia: Wenn du sie einfach nur in Ruhe gelassen hättest, hättest du dich zumindest nicht zum Mittäter gemacht. Du hast das Leid dieser Frauen ausgenutzt. Du hast sie für dich benutzt. Und das interessiert mich.

Jan: Na ich mache es ja heutzutage nicht mehr. Aber ich weiß, du merkst, dass ich versuche, mich aus der Frage zu winden. Ich bin ja kein Unsensibler.

Gaia: Nein, das bist du nicht. Du hast dir aus deiner eigenen schweren Kindheit, in der du misshandelt wurdest, diese Fähigkeiten erworben. Deswegen weißt du ja auch sofort, bei welcher Frau was geht und wo nicht. Du hast diese Schwächen für dich ausgenutzt und hast halt gerne weggeschaut.

Jan: Hmmmmm.

Gaia: Das war einfacher so, oder?

Jan: Ja. Ja klar, zu fliehen vor der Situation ist immer einfacher, als sich der Situation zu stellen – Du musst eins wissen. Alle, die ich dahin gebracht hatte, die mochte ich immer sehr. Und mit vielen von denen habe ich auch noch einen sehr guten Kontakt. Und alle meine Freundinnen waren – bis auf meine Ehefrau – Prostituierte. Ausnahmslos.

Gaia: Du beantwortest meine Frage nicht.

Jan: Ich weiß. (Lacht) Ja, ob ich das heute noch so machen würde? Man hätte denen natürlich helfen können.

Gaia: Nein, das hättest du nicht. Aber du hättest sie vor dem Schritt in die Prostitution beschützen können.

Jan: Der Gedanke ist mir nie gekommen. Aber ob ich das heute anders sehe? Ja, vielleicht. Aber eigentlich nicht.

Gaia: Ich danke dir für deine Ehrlichkeit.

Jan: (Lacht)

Ich war selbst eine dieser Frauen. Zwar war ich nie Prostituierte im herkömmlichen Sinn, aber eine Frau, die ihren Wert in ihrer sexuellen Attraktivität und Zugänglichkeit suchte. Ich erkannte mich Jahre später in einem Teil dieses Systems wieder. Mein Körper musste verfügbar sein. Meine Währung war nicht Geld, sondern Liebe, Zugehörigkeit und ein luxuriöses Leben. Und auch ich hatte damals gesagt: Ich will das doch.

Heute bin ich geheilt. Ich ging einen sehr langen und harten Weg, um diesen Zwang erkennen und aus ihm heraustreten zu können. Und musste mir eingestehen, dass in meiner Kindheit verdammt viel nicht in Ordnung war. Ich hatte das Geschehene in mir verdrängt.

Es hatte einen Grund, warum ich eine Frau geworden war, die ihren Körper benutzen ließ. Für mich fühlte es sich freiwillig an. Doch das war es nie.

Wir können einen Zwang als unseren Wunsch empfinden.

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Episode V