Eposode V
The TWISTED WOMAN
Jedes kleine Mädchen ist doch verliebt in ihren Papi. Papi ist der Größte. Wenn ich mal groß bin, will ich Papi heiraten.
Oder besser nicht?
Was, wenn dein Papi einer von der Sorte ist, ohne Selbstbewusstsein? So ein Typ mit einem Ego, das nie in die Pubertät kam? So ein Rumpelstilzchen – wie meiner.
Das kleine Mädchen verbiegt und verdreht sich, um von diesem Mann geliebt zu werden. Aber nichts ist gut genug für ihn. Egal, was es tut, es genügt nicht. Sie bemüht sich, überall die Beste zu sein. Doch bekommt mit – wenn er über sie spricht – dass er über ein Mädchen spricht, das sie nicht kennt. Er erzählt von einem Wundermädchen. Eines, das Dinge kann, von denen sie nicht mal weiß, was sie bedeuten.
Sie versucht auch diesem Wundermädchen nachzueifern.
Doch bekommt nur einen müden Blick von ihrem Papi. Meist schimpft er laut. Oder – und das ist das Schlimmste: Er ignoriert sie. Über Tage. Manchmal – manchmal, wenn er einen guten Tag hat, lächelt er.
Dieses Lächeln ihres Papis fühlt sich an, als würde sie sich im magischen Wolkenland der Glücksbärchis befinden, die sie mit ihren Herzchen und Glücksstrahlen bombardieren. Zuckrig, warm, weich, richtig und satt. In diesen Momenten könnte das Leben kaum schöner sein. Sie fiebert diesen Momenten entgegen.
Auch Omi und Opi, wo sie oft ist, bringen ihr bei, wie sich ein „gutes Mädchen“ verhält:
Immer die Augen bei den anderen haben. Immer schauen, ob jemand etwas braucht. Den Tisch decken und abräumen. In der Küche helfen. Und still sein, wenn die Erwachsenen reden. „Das verstehst du eh nicht“, brennt sich ein.
Und auch, wenn Opi sagt:
„Du wirst mal eine sehr gute Hausfrau.“
Sie schaut ihn an, wenn er sowas sagt. Etwas formt sich in ihr, ohne eine Form zu bekommen. Sie sucht etwas. Eine Frage? Diese Sätze hallen nach in ihr.
Sie wird größer, kommt in die Pubertät. Alles ist peinlich. Sogar das Luftholen ist peinlich. Die anderen Mädchen beginnen sich mit Jungs zu treffen. Sie nicht. Die Jungs mögen sie nicht. Das macht sie traurig. Denn: Ohne einen Jungen, mit dem sie sein kann, ist sie wertlos.
Sie wird noch größer. Fängt an zu studieren. Etwas passiert. Die Jungs fangen an, sich für sie zu interessieren. Sie fühlt sich begehrt und: Vollständig. Aber es sind komische Typen. Sie sind nicht besonders lieb mit ihr. Sie verlangen viel von ihr. Und sie? Sie tut alles, damit sie bleiben darf. Bei diesen tollen, tollen Typen.
Aber egal, was sie macht und wie gut sie es macht, da ist immer etwas, was falsch ist. Sie wird immer genauer. Bedenkt alles. Macht keinen Fehler. Und dennoch ist immer alles falsch. Immer gibt es etwas, weshalb er mit ihr schimpfen muss.
Es ist zum Verzweifeln. Als würde sie auf einem Pulverfass sitzen. Sie ist dieses Pulverfass,
mit dem sie bei ihm aneckt.
„Kein Wunder“, denkt sie, „so schlimm, wie ich bin, muss er ja schimpfen.
Ich kann einfach nicht
genug spüren,
was er wann und wie benötigt.“
Die Jahre vergehen, eine beschissene Beziehung nach der anderen wabert an ihr vorüber. Bis sie Mr. Perfect trifft. Er ist groß und schön und so unglaublich intelligent. Und er liebt alles an ihr. Sie macht nichts falsch. Zum ersten Mal in ihrem Leben macht sie keine Fehler!
Sie ist ganz und gar seins. Sie ist ganz. Sie fühlt sich geliebt aus tiefstem Herzen.
Sie entdeckt ungewöhnliche Seiten an ihm. Das findet sie spannend. Sie entdeckt Seiten an ihm, die er bisher nicht an sich kannte. Aber sie – sie sieht sie. Wie ein Trüffelschwein erkennt sie, was er braucht.
Und führt ihn ins Wonderland.
Sie ziehen ein in dieses Wonderland. Sie liebt es, mit ihm in Wonderland zu leben und liebt es, Wonder Woman für ihn zu sein. Sie selbst hat all dies erschaffen. Sie ist stolz, stolz, stolz auf sich.
Doch es kostet sie viel Kraft, diese Welt aufrecht zu erhalten. Aber sie muss. Er liebt sie genau dafür.
Er liebt sie für ihre
Superkraft
Die Jahre vergehen und sie wird immer kranker. Wonderland wurde für sie zur Folterkammer. Jeden Tag wird ihr Körper mehr geschunden. Sie versucht, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Jugendlichkeit, ihre Leidenschaft, ihre Schönheit, ihre Fröhlichkeit aufrechtzuerhalten. Es gelingt kaum noch. Sie muss sich eingestehen, dass Wonderland sie zerstört.
Sie bittet ihn, wieder nach Hause zu kommen, weil sie sonst sterben muss.
Er will nicht.
Er will in Wonderland bleiben.
„Früher warst du mal unkomplizierter“, sagt er ihr. „Du bist so anstrengend geworden.“ „Ja, das stimmt“, denkt sie. „Wieso zum Henker bin ich das nicht mehr?“