Eposode VI
The star you worship
Du kennst das bestimmt. Da ist dieser eine Star, den du seit Jahren irre toll findest. Und dann siehst du ihn oder sie in einem Interview, wie dieser Star sich vor deinen Augen entzaubert. Er ist auf einmal nicht die Sanftmut in Person, sondern ein dummer, arroganter Fatzke. Oder die supercoole, supersexy, immer laszive Schauspielerin ist im wirklichen Leben eine intellektuelle Feministin. (Also ich persönlich steh ja auf intellektuelle Feministinnen, aber das ist nur meine ganz persönliche Vorlieb.)
Fuuuck. Wen hab ich da die letzten Jahre angehimmelt?
Du bist total enttäuscht von diesem Menschen.
Und bemerkst nicht, dass du eigentlich von dir selbst enttäuscht bist. Du selbst hast diesem dir fremden Menschen deine Illusion von ihm übergestülpt. Weil du nicht wissen wolltest, wer dieser Mensch tatsächlich ist. Der Star kann nichts für die Illusion, die du für ihn erschaffen hast. Allein du bist dafür verantwortlich. Weil du nicht gefragt hast.
Du warst geblendet von deiner eigenen Illusion.
Hast du das aus Boshaftigkeit getan? Natürlich nicht. Du hast einfach nicht darüber nachgedacht, dass dieser Mensch ein anderer sein könnte.
Und genauso machen es
unsere Eltern mit uns
und wir mit unseren
Kindern
Ein Kind kommt auf die Welt. Welch große Freude. Wir haben eine Idee von unserem Kind. Wir malen uns unser neues Leben, unsere kleine Familie, mit diesem Kind aus. Dieses Kind ist perfekt. Für uns. Und wir erziehen es so, wie wir meinen, dass es gut ist für unser Kind.
Aber es kann nicht sprechen. Eine ganze Weile lang kann es nicht sprechen. Es kann uns nicht erzählen, wer es ist. Was es gerne mag. Wie es die Welt sieht. Was wichtig ist für dieses Kind und was nicht.
Also erziehen wir so lange an diesem Kind herum – nach unserer Meinung, was gut ist für dieses Kind – bis es vergessen hat, wer es eigentlich ist. Bis es längst angenommen hat, was nicht sein ist.
Und so erging es dir, so erging es mir, so erging es deinen Eltern und auch deinem Kind.
Noch mal:
FUUUuUCK
Was nun?
Wie können wir dieses Dilemma auflösen?
Mein Therapeut brachte mir einst bei, dass ich wahnsinnig sauer auf meine Eltern sein muss. Ich muss mich von ihnen trennen und die Wut, die in mir ist, über Ablehnung und Hass durchleben. Ich muss mich aus diesem Wahnsinn rauslösen, um gesund werden zu können. Und das hat auch ganz gut funktioniert. Aber ist das die Lösung? Brutalität mit erneuter Brutalität bekämpfen?
Heute habe ich hierzu eine ganz eigene und andere Meinung. Als ich für mich erkannte, dass ich in meiner Familie nicht gesehen wurde, war mein einziger Wunsch, mit ihnen gemeinsam zu heilen. Das Geschehene gemeinsam zu integrieren.
Das ging leider nicht.
Sie wollten nicht einsehen, dass sie etwas falsch gemacht hatten. Sie wollten sich nicht eingestehen, dass sie ihrer Illusion von mir auf den Leim gegangen waren. Dabei hatte ich ihnen gar keinen Vorwurf gemacht. Ich erklärte mich. Erklärte, dass ich ihnen nicht böse war. Ich sagte ihnen, dass ich weiß, dass sie mir nie schaden wollten. Ich dennoch heilen muss. Ich wollte endlich meine Depressionen loswerden, meine vielen Krankheiten.
Es blieb bei einem Nein. Also ging ich, hasste und heilte.
Alles verschwand. Die Depressionen, die Krankheiten. Aber sehr, sehr allein.
Ich wollte meine Tochter, die auch an Depressionen litt, diesen Weg nicht allein gehen lassen. Ich entschied mich dafür, für mein Fehlverhalten ihr gegenüber Verantwortung zu übernehmen. Ich ging auf sie zu und erklärte ihr, dass ich sie nicht gesehen hatte und ich ihr meine Illusion ihrer Persönlichkeit übergestülpt hatte. Und durfte erfahren, dass wir auch gemeinsam heilen können. Mit Sanftmut und Liebe und Achtsamkeit.
Ich hatte ihr sogar anfangs gesagt, dass sie mich hassen darf für alles, was ich ihr antat. Der Hass kam nie. Weil ich sie sehe. Weil ich ihr Fels in der Brandung bin, wenn sie mir erzählt, wie sie mich einst erlebte.
Ich stehe, bleibe, höre zu und sage:
„Ja, mein Schnuppchen, genauso war das. Es tut mir unendlich leid, dass du meinetwegen so viel Leid erfahren musstest.“
Das war’s. Ihre Tränen können ihren Körper verlassen. Ich halte sie und sie darf einfach sein. Und sich nun auf das Finden ihrer ganz eigenen Persönlichkeit freuen. Ich bin da und liebe sie, so anders wie sie nun ist.