Episode III
Behind the Secens of Makeup
Ich habe es früher kaum geschafft, den Müll runterzubringen, ohne mich zu schminken.
Das Haus verlassen – nackt – war nicht möglich. Manchmal habe ich versucht, mich meiner Angst zu stellen und bin ungeschminkt joggen gegangen. Das fand ich ganz schön mutig von mir. Doch der Weg wurde jedes Mal zum Spießrutenlauf. Wenn mir jemand entgegenkam, den ich kannte, wechselte ich die Straßenseite. Oder wenn ich dieser Kollision nicht mehr ausweichen konnte, schaute ich beschäftigt zur Seite. So, als würde da gerade etwas irre Wichtiges sein und ich die Person so nicht hätte bemerken können. Und sowieso schaute ich strikt nach unten, sodass jeder Augenkontakt gemieden werden konnte. Als ob mich das nicht erkennbar gemacht hätte.
Wenn ich mal eine ungeschminkte Frau traf (tagsüber oder casual bei ihr zu Hause), die ich sonst nur abends aufgedonnert kannte, inspizierte ich ihr Gesicht. Ich suchte nach etwas. Aber nach was? Keine Ahnung. Irgendwas wollte ich in diesem nackten Gesicht finden. Ich fand aber nichts.
Auch inspizierte ich mein Gesicht. Was mir jedes Mal schwerfiel, weil ich mein Gesicht nicht mochte. Besonders schlimm empfand ich meine Mimik. Alles, was ich fand, war diese hässliche Kreatur. Etwas, das man nicht lieben konnte. Ich versuchte herauszufinden, wie es sein konnte, dass Menschen mich mögen konnten. Und kam zu dem Entschluss, dass es ausschließlich daran liegen konnte, was ich für sie tat.
Sie konnten mich nur gernhaben, weil ich – bevor sie es wussten – wusste, was sie brauchen.
Viele Therapiesitzungen
und Jahre später hatte ich
mein Leben geändert.
Zwar konnte ich die Benefits dessen noch nicht spüren, aber ich hatte angefangen zu verstehen, dass ich etwas tun musste. Ich hatte verstanden, dass ich mich selbst nicht lieben konnte. Selbsthass. Krasse Sache, sowas über sich selbst herauszufinden. Aber das Wissen darüber war noch nicht die Heilung. Doch es gab eine kleine Schlüsselsituation, die mich pushte.
Ich war einkaufen (geschminkt) im Supermarkt und traf eine Frau (ungeschminkt), die ich kannte. Sie ging mir nicht aus dem Weg. Sie versuchte sich nicht zu verstecken – so wie ich einst. Aber: sie entschuldigte sich bei mir, dass ich sie so ungeschminkt sehen muss.
Ich sah sie an und empfand Mitleid mit ihr. Sie dachte von sich, dass es eine Qual sei, sie so unversteckt sehen zu müssen. Wir Frauen denken, dass wir uns verstecken müssen. Als sei der Mensch, der wir sind und so wie wir sind, quälend für andere. Wir denken, wir müssen alles tun, um uns „erträglich“ zu machen. Wir verkleiden und bemalen uns täglich, damit andere uns mögen. Denn: so wie wir sind, ist es nicht möglich, uns gern zu haben.
Von da ging ich tiefer und tiefer in die Erforschung meiner Seele.
Ich wollte wissen, weshalb ich mich nicht gernhaben konnte.
Ich wollte wissen, weshalb ich nur diese missratene Kreatur sehen konnte, wenn ich in den Spiegel schaute. Und irgendwas wie Leere. Nicht da. Es fühlte sich an, als sei ich nicht zu finden.
Wie Sherlock Holmes suchte ich
in meiner Seele.
Und fand schließlich ein kleines Mädchen, das nie erwünscht war in seiner Familie. Ich musste mir eingestehen, dass meine Eltern mich, so wie ich war, nicht mochten. Sie wollten mich anders haben. Sie liebten das Wesen, das sie aus mir gemacht hatten.
Doch weil ich diese „Liebe“ spüren konnte, konnte ich nicht sehen, nicht verstehen, dass meine Eltern nicht mich liebten, sondern nur den Menschen, den sie geformt hatten.
Das war eine harte Erkenntnis. Und blieb auch nicht ohne Folgen. Sie können den Menschen, der ich eigentlich bin, tatsächlich nicht lieben. Aber ich war bereit, diesen Preis zu zahlen.
Denn heute, drei Jahre später, sehe ich in den Spiegel und kann ein komplettes Bild meiner selbst sehen. Ich war nicht anwesend in meinem Körper. Deswegen suchte und suchte ich und fand nichts.
Heute liebe ich es, mich „nackt“ zu zeigen. Ich liebe es rauszugehen und einfach da zu sein. So wie ich bin. Heute fühle ich mich in meinem Körper wohl, frei und zu Hause. Ich schminke mich nur noch, wenn ich Lust habe, aber maximal mit etwas Rouge und Mascara. Ich benutze kein Makeup mehr, das meine Haut versteckt.
Ich fühle mich wertvoll.
Den Preis – die Menschen zu verlieren, die das Wesen, das ich bin, gar nicht lieben können – bin ich gerne eingegangen. Es tat nur anfangs weh. Wie eine Krankheit, die man hat. Die Behandlung ist unangenehm, aber wenn man durch ist, ist man befreit.
Augenscheinlich tat meine Mutter alles für mich, was Mütter halt so tun. Doch nicht in der Tiefe. Und das will sie nicht wahrhaben. Sie will nicht sehen, dass sie mich gar nicht kennt. Und sie will mich auch nicht kennenlernen. Sie will, dass alles so bleibt, wie es mal war. „Komm endlich wieder zu Vernunft“, sagt sie mir.
Unsere Familien wollen meistens nicht checken, dass sie uns nie gesehen haben. Sie stülpten uns einst ihre Projektion über, der wir als Kinder versuchen, gerecht zu werden und in der wir später gefangen sind.
Sie taten dies nie aus Boshaftigkeit. Sie wissen es schlicht nicht besser.
Ich wusste es auch nicht besser. Ich sah meine Tochter auch nicht. Bis ich aufwachte. Bis ich bemerkte, dass ich nie gesehen wurde und ich meine Tochter ebenso nicht sah. Meine Tochter und ich können heute darüber sprechen und sie heilen. Heilen von meiner Blindheit ihr gegenüber.
„Ja, Mama, genau das mache ich – ich bin endlich vernünftig geworden.“