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The wrong Rockstar

Stell dir vor du stehst bei Rock am Ring. Mitten in der Masse.

–> für Außenstehende: Rock am Ring ist wahrscheinlich das größte Rockfestival in Deutschland. Also drei Tage Ausnahmezustand aus lauter Musik, Menschenmassen, Bier, Schlamm und ziemlich wenig Schlaf <–

(Just to let you know: I love Rock ;)

Da stehst du eingequetscht, wirst mit der Masse hin und her gedrückt, geschoben, angerempelt. Der eine oder andere lächelt dich an, tritt dir auf die Füße. Macht nichts. Jemand legt dir seinen Arm um die Schultern, hält dich fest, strahlt dich an, du lachst zurück, denkst: „Hey, netter Kerl“, und hält dich fester und fester. Er fängt an zu hüpfen. Du hüpfst mit ihm. Nimmst seine Takt an. Sein Gehopse. Du lachst mehr und mehr und mehr. Alle um dich herum sind ausgelassen. Wiegen und wippen zum Sound der Musik bei Rock am Ring. Und du magst das.

Du gehst da raus. Raus aus dem Epizentrum. Gehst über das Rock am Ring Gelände. Du magst dieses Gelände. Es ist deine Welt. Dein Zuhause. Du liebst es dort. Du gehst Würstel oder Brathendl essen an den Buden. Trinkst hier und da ein Bier, ein Glas Wein, ein Sprudelwasser. Unterhältst dich mit den anderen. Sie alle strahlen dich an, du strahlst sie an.

Du gehst in dein Zelt, das schon vor langer Zeit dort aufgeschlagen wurde. Du schläfst ein. Und erwachst am nächsten Morgen wieder in deiner Welt – Rock am Ring.

Du ziehst den Reißverschluss deines Zelts herab. Lugst aus dem Zelt. Die Sonne scheint dir ins Gesicht. Der Duft dieser Welt strömt dir in die Nase. „Hmmmmm – yammy“, es duftet nach Zuhause. Nach Vertrautem. Du gehst raus aus deinem Zelt und stöberst über das Festival Gelände. Du duschst, putzt dir die Zähne, ziehst an, was du immer so anziehst. Gehst rüber zur Kaffee-Bude, frühstückst dort, die ersten Fans sitzen auch schon mit dir dort. Alles bekannte Gesichter. „Hach“, denkst du, „das Leben ist schön.“

Dann gehst du wieder rüber zu dieser Menschenmasse.

Die Band spielt laut und dröhnend.

Aber das kennst du so. Es ist ja dein Leben. Es ist deine Mucke. Du bist dort unter Gleichgesinnten. Du kennst es, du magst es so.

Doch langsam zehrt es an dir. Du gehst vielleicht etwas früher raus aus dieser Menschenmasse. Aber sie bleiben nicht alle dort. Sie kommen mit dir mit. Sie bleiben gerne bei dir. Sie mögen deine Gesellschaft. Du tust ihnen so gut.

Aber es kostet Kraft immer für sie da sein zu müssen. Du wirst von Tag zu Tag, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr, angestrengter von deinem Leben. Aber du kennst nur dieses Leben. Du wurdest am Rock am Ring geboren. Du hast Rock am Ring in deinen Adern, in jeder Zelle deines Seins. Rock am Ring ist dein Zuhause.

Doch du kannst nicht mehr.

Mittlerweile wachst du morgens in dieser Dunkelheit auf.

Jeden Morgen dasselbe.

Jeden Morgen diese Dunkelheit um dich.

Du weißt gar nicht mehr, weshalb du noch aufstehen sollst? Was ist da los? Wieso kannst du die Wärme, die Sonne, die Freude am Leben nicht mehr spüren?

Ich stelle dir nun ein paar Fragen

Was wäre, wenn Rock am Ring gar nicht deine Welt ist?

Was wäre, wenn du gar nicht einer dieser Fans bist?

Und nun stell dir vor, dass Rock am Ring deine Familie ist, deine Freunde und auch deine Emotionen. Die Rock-am Ring-Emotionen. Stell dir also mal vor, du wurdest in eine Rock-am-Ring-Family geboren. Die erwarten von dir – voll logisch – dass du auch Rock am Ring bist. Die Erwartungshaltung an ein Kind ist enorm. Die wenigsten Familien sehen ihre Kinder als eigenständige Wesen mit eigenen und vielleicht diametralen Bedürfnissen. Sie sehen in ihnen auch Rock am Ring. Es war ja immer Rock am Ring. Über Generationen hinweg.
Und deine Freunde: sind Blaupausen deiner Familie.

Unser Nervensystem sucht sich was es kennt, nicht was gut für Dich ist.

Stelle dir mal weiter vor, dass all diese Fans da unten, einfach nur die Emotionen sind, die deine Familie in dir ausgelöst haben. All der Mist den dir deine Familie eingeredet hat. Du denkst nur, du bist einer von ihnen. Du fühlst, was all diese Fans dir mitgeben. Sie schubsen dich hin und her und hin und her. Und das ging auch verdammt viele Jahre gut. Und es fühlte sich auch viele Jahre wie Spaß für dich an, wie Liebe, wie Anerkennung. Aber nun kannst du nicht mehr vierundzwanzigsieben mit ihnen in ihrem Takt hin und her hüpfen.

du bist erschöpft.

Aber wieso? Wieso bist du so erschöpft von dem was deine Welt ist. Dir so vertraut ist, du dich dort so wohl fühlst. Wieso strengt dich das so an?

Ich stelle dir noch eine Frage: Vielleicht bist du gar nicht einer der Fans bei Rock am Ring? Vielleicht hat deine Rock-am-Ring-Family dir nur eingeredet, dass du Rock am Ring liebst und bist. Und vielleicht ist der Rockstar, der da oben auf der Bühne steht, gar nicht Metallica oder Guns N’Roses. Hast du da überhaupt mal hingeschaut? Vielleicht steht dort ja Celine Dion oder Aretha Franklin oder David Bowie. Und du hast dein Leben lang versucht Metallica zu lieben.

Und nun stelle ich noch eine crazy Möglichkeit in den Raum: Vielleicht stehst du gar nicht da unten zwischen all diesen Fans. Vielleicht stehst du da oben auf der Bühne. Und vielleicht bist du der Star auf dieser Bühne. In einer Verkleidung. Bemalt bis zur Unkenntlichkeit und einem viel zu engen Korsett, in dem du keine Luft mehr bekommst.

Wenn niemand dich erkennt, wenn dein Dasein in seiner Essenz verneint wird, wenn du ein Leben lang versuchst dem Bild gerecht zu werden, dass dir – als du ein Kind warst – übergestülpt wurde. Weil niemand dich angeschaut hat. Weil niemand wissen wollte, wer du tatsächlich bis. Dann wird alles um dich herum immer dunkler. Weil dir diese Verkleidung gar nicht passt. Sie juckt und kratzt. Sie ist zu eng, sie macht dich krank.

Hast du mal versucht hinzuschauen, wer auf dieser Bühne steht? Oder sind all die Fans um dich herum zu groß, zu mächtig? Kann es sein, dass du deine Lebensbühne aus den Augen verloren hast, weil die Dinge, die nicht deine sind, dich leiten?

Wer steht denn da auf dieser Bühne?

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Episode II